Kommunalpolitisches Sommerinterview Schwäbische Post

13. September 2011  Allgemein, Presseecho

„Ich vermisse Impulse vom Rathaus“

Sommergespräche (4): Roland Hamm (Linke) ist nach dem Landtagswahlkampf wieder in der Stadtpolitik

Die Enttäuschung war groß, als am 27. März der Linken-Spitzenkandidat Roland Hamm vor den Kameras stand. Nur 2,8 Prozent hatte die Linke erreicht. Und damit sind die landespolitischen Ambitionen des Aalener IG-Metall-Chefs mit einem Schlag zerstoben. „Das zieht einem den Teppich unter den Füßen weg“, räumt Roland Hamm ein.
Die landesweite mediale Aufmerksamkeit war dann plötzlich weg. Und die Perspektive auf einen, wie Hamm sagt, „neuen Gestaltungsrahmen“. Es hat einige Zeit gebraucht, bis er wieder zu den lokalen Themen der Kommunalpolitik zurückfand. Jetzt sitzt Hamm entspannt vor einem Lokal in der Innenstadt. Das ist sein Lieblingsplatz, den er aber aus Rücksicht auf seine vielen gastronomischen Freunde für die Zeitung nicht benennen will. Wir sitzen also, sagen wir, vor einem der vielen schönen Aalener Lokale in der Altstadt.
Wie man den früheren Sozialdemokraten kennt, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Auch was die eigene Partei angeht, deren Zustand er als „nicht glücklich“ beschreibt. Hamm wäre aber nicht Hamm, wenn er dies nicht gleich in eine Botschaft an die Medien ummünzen würde: „Es ist auch ein wenig heuchlerisch, wenn alle über einen Brief an Castro diskutieren. Wenn Schröder Gaddafi auf dem Schoß gesessen hat, interessiert das später keinen mehr.“
Aber genug große Politik, Roland Hamm steht schließlich der Fraktionsgemeinschaft von Linker und Pro Aalen vor. Und ist in Aalen tief verwurzelt. Alle zwei Minuten grüßt ihn ein Passant. Hamm macht sich Sorgen um „seine“ Stadt, und benennt auch hier klar, woran es aus seiner Sicht mangelt. „Vom Rathaus gehen keinerlei Impulse und Visionen aus“ sagt er. Und zielt damit direkt auf OB Martin Gerlach.
Diesem fehle einerseits das Handwerkszeug, eine Gemeinderatssitzung ordentlich zu leiten. „Dazu muss man sich gut vorbereiten, eine klare Meinung und Linie haben, und sich im Vorfeld um Mehrheiten bemühen“, fordert Hamm. Er sei auch für den von Gerlach propagierten offenen Diskurs, aber auch Alternativen müssten klar vorbereitet und formuliert werden. „Sonst endet alles in Beliebigkeit, und jedes Thema wird in Aalen zerredet“, kritisiert der langjährige Gewerkschafter.
Sicher sei auch der Gemeinderat zu mehr Disziplin angehalten. Doch letztlich liege es nicht daran, auch nicht an der Größe des Gemeinderates. „Es liegt an der Sitzungsleitung“, meint er, „unter Pfeifle hat es doch auch funktioniert.“
An drei Beispielen macht Hamm die Mängel in der Kommunalpolitik deutlich. Erstens bei der Museumslandschaft. „Wir haben uns mit Sparbeschlüssen eingemauert“, kritisiert der Linken/Pro-Aalen-Sprecher. Er ist für einen Museumsstandort im Spionrathaus, und auch für das Sobek-Konzept am Tiefen Stollen. „Wenn es darum geht, Fachkräfte nach Aalen zu holen, spielt die Kultur eine wichtige Rolle“, sagt er.
Auch beim Durchstich zum Spritzenhausplatz vermisst Hamm eine klare Linie. „Wir diskutieren seit drei Jahren über Lösungen, die keiner für optimal hält“, meint der Linkenpolitiker. Die Verwaltungsspitze sei sich untereinander uneins, und verhandele ohne gemeinsames Ziel. Nicht zuletzt bei der Eventarena sieht Hamm das „Aalener Muster“ der Endlosschleifen in der Debatte.
„Warum ist man im Rathaus nicht in der Lage, sich mit Verhandlungspartnern unterschiedlicher Interessen an einen Tisch zu setzen und eine Lösung zu finden?“, fragt er rhetorisch.
Bleibt die Frage: Was muss geändert werden? Will Roland Hamm etwa selbst als OB-Kandidat antreten, oder einen suchen? Der Gewerkschafter winkt ab und schlürft seinen Espresso Doppio. „Da sind die beiden großen Parteien CDU und SPD gefragt“, meint er. Es müsse bei der OB-Wahl 2013 eine Alternative geben, wünscht sich der Aalener. Dann muss er aufbrechen, zum IG-Metall-Kongress nach Frankfurt. Das Leben von Roland Hamm ist auch ohne Landespolitik spannend. Rafael Binkowski

© Schwäbische Post 12.09.2011